Auf dem Weg zum Alex

Auf dem Weg zum Alex

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500.000 auf dem Alex

Auf dem Weg zum Alexanderplatz einzelne Leute oder Familien, die häufig selbstgefertigte Transparente tragen. Am Prenzlauer Berg hängt an einem Gitter ein mit "Krenz Mauer" beschriebenes Bettlaken. Ich vermute zunächst, hier hat einer sein Werk mal kurz weggehängt, eine Pause auf dem Marsch zum Alex. Aber die "Krenz-Mauer" hängt nicht an irgendeinem Gitter, sondern am Gitter einer Friedhofsmauer. Selbst naive Betrachter werden die Botschaft verstehen: Krenz, Nachfolger von Erich Honecker in (fast) allen Ämtern, jugendliche Lichtgestalt unter den Alten im SED-Politbüros, gilt offenbar nicht bei jedem als Retter aus der Misere des Ländchens DDR. Aber von wem, wenn nicht von ihm, sollte alles das, was da an Forderungen, Wünschen und Hoffnungen zum Alex getragen wird, verwirklicht werden?

Vorbereitet auf den 4. November hatten zahllose größere und kleinere Eruptionen: Massenflucht aus Ungarn, die Schlagbäume vom Brudervolk geöffnet. Im "Neuen Deutschland" wird über die Massenflucht mit der perfiden Geschichte eines angeblich betäubten und danach in den Westen verschleppten Mitropakellners hinweg gelogen. Der Verfasser dieses Auftragswerkes, erteilt aus dem Hohen Haus, vermutlich von Honecker persönlich, hat sich später in der Zeitung öffentlich geschämt. Zuerst Ungarn, dann die Botschaftsflüchtlinge in Prag, die Montagsdemonstrationen in Leipzig, frei Haus geliefert von ARD und ZDF. Und zuletzt die am Abend des 7. Oktober brutal niedergeknüppelten Demonstranten in Berlin. Fast jedem im Land war klar, ein Weiter-wie-bisher konnte und würde es nicht geben.

Am 4. 11. 1989, der Alexanderplatz und die Straßen in der Nähe: eine halbe Million Menschen, viele mit großen und kleinen Mitteilungen übers Zeit- und Lebensgefühl: Spruchbänder, Fahnen, Plakate, getragen und geschwenkt, mit Schablonen beschrieben, gedruckt, gezeichnet, gemalt.

Unvergessen der gern zitierte Herzenswunsch "Die Ostsee frei für Surfer und Segler", aber Surfer und Segler waren die wenigsten, den meisten auf dem Alex ging es um die Substanz: um Freiheit, um Demokratie, um das Ende der SED-Alleinherrschaft, um ein besseres Leben. Auf meinen Fotos kann ich nachlesen, was sonst längst aus dem Gedächtnis verflogen wäre: "Keine Macht den Lügnern", "Vergesst mir meine Stasi nicht", "Keine Persilscheine den Simulanten", "Neue Männer braucht das Land", "Demokratie Jetzt" (zwischen den Worten ein gemalter Schmetterling), "Nicht provozieren - mitregieren", "Privilegien für alle", "Wir sind das Volk".

Eine aus Weimar angereiste Truppe trägt im Laufschritt ein bettlakenbreites schwarzes Tuch mit der radikalsten Forderung des Tages vor sich her: "Keine Macht für Niemand". Zugleich wird gefordert, was sich für frisch erweckte Anarchisten gehört, sämtliche Werke von Michael Bakunin und Erich Mühsam zu veröffentlichen. Respekt! Zuerst hatte ich den Verdacht: abgehört von "Ton Steine Scherben" aus dem Berlin nebenan.

Die winzigste Botschaft, handgeschrieben, auf das Revers einer damals modischen Jeansjacke geklebt: "Spitze erwerben, nicht vererben". Aufgefallen ist sie mir vermutlich, weil ich wenige Monate zuvor in einem Kabarett einen Sketch zur Frage gehört hatte, wieso unser großartiges Land keinen Nobelpreisträger besitze? Die Antwort kann niemand verstehen, der im Westen sozialisiert wurde, ihr Erfinder muss sie ganz tief aus seiner DDR-Seele gefördert haben: "Unsere Spitze ist rund."

Die Reden der 27 Sprecher höre ich, wie ein beschäftigter Fotograf Reden hört: als mal laut, mal leise aufschwellendes Geräusch. Unterbrochen gelegentlich von schrillen Pfiffen. Am lautesten gegen Markus Wolf, den ehemaligen Stellvertreter des Stasi-Chefs Mielke. Der Dramatiker Heiner Müller sorgt für Stille, weil er statt seiner Rede das ihm gerade überreichte Pamphlet einer Initiative für unabhängige Gewerkschaften vorträgt. Offenbar weiß kaum einer der versammelten 500.000 damit etwas anzufangen. Am Ende ringt sich Müller doch noch zu einem Müllerschen Satz durch, wie ich jetzt im Internet entdecke: "Wenn in der nächsten Woche die Regierung zurücktreten sollte, darf auf Demonstrationen gefurzt werden".

Der Schriftsteller Stefan Heym liest aus Briefen seiner Leser, darunter ein Satz, den fast jeder an diesem 4. November auf dem Alexanderplatz nachempfinden kann: "Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen." Der Jude und Antifaschist Heym sollte im vereinten Deutschland erleben, dass eine CDU-Bundestagsfraktion bei seiner Rede als Alterspräsident des erstmals zusammengetretenen Bundestages geschlossen den Saal verlässt. Auch eine Ehrerweisung für einen großen Mann der jetzt so einhellig bejubelten friedlichen Revolution der Ostdeutschen.

Für den heutigen Leser jener Reden erstaunlich, wie vielen es um eine bessere DDR geht, um einen wirklichen Sozialismus, um einen, zu dem Freiheit und Demokratie so selbstverständlich gehören wie Luft zum Atmen. Offenbar so erfolgreich aus Köpfen gelöscht, dass eine aus der DDR stammende Schriftstellerin knapp 20 Jahre nach jenem 4. November, die Rednerin Christa Wolf voller Gewissheit in der "Berliner Zeitung" zitieren kann: "Stellt euch vor, die Mauer fällt und niemand läuft weg." 1)

Nur: Christa Wolf sprach in ihrer Rede vor den 500.000 von Träumen und nicht von der Mauer. "Also träumen wir mit hellwacher Vernunft: stell dir vor, es ist Sozialismus und keiner geht weg."

1) Ines Geipel: Schmerzen muss es immer,
zum 80. Geburtstag von Christa Wolf in der "Berliner Zeitung" vom 14. März 2009

Berlin, den 24.05.2010