Gruss nach drüben

Gruss nach drüben

text:

Ab jetzt grenzenlos Freiheit

Die sattsam bekannte Szene hatte ich schon bei der Premiere gesehen: SED-Politbüromitglied Günter Schabowski verkündet am 9. 11. 89 in seiner nuschelnden Sprache neue Regelungen über die freie Ausreise für DDR-Bürger. Die Führungsriege hatte keine Wahl. Nach Ungarn, nach der Prager Botschaftsbesetzung, nach den Demonstrationen in der Messestadt Leipzig, die sich wenig später in Heldenstadt umbenannte, war selbst den Greisen ganz oben klar: Ohne Grenzöffnung würde ihr Staat implodieren. Auf Nachfrage eines italienischen Journalisten, der wissen will, ab wann die Ausreise möglich sein wird, sucht er hektisch in seinen Zetteln herum und antwortet dann, exakt um 18.53, unsicher über seine auf die Nasespitze gerutschte Brille blickend, „nach meiner Kenntnis ist das sofort, unverzüglich.“

Als erfahrener DDR-Staatsbürger weiß ich natürlich: so einfach konnte es nicht sein! Wo waren die Durchführungsbestimmungen? Welche Bedingungen für den Grenzübertritt sind zu erfüllen, welche Regeln einzuhalten? Wer darf und wer darf nicht? Schließlich konnte selbst in diesen Zeiten nicht jeder einfach in den Westen marschieren, wenn es ihm einfällt.

Am nächsten Morgen höre ich in der Straßenbahn von der Bank hinter mir einen Satz, den ich nicht vergessen werde. „Wer heute Nacht geschlafen hat, der ist schon so gut wie tot.“ Ich hatte geschlafen und habe überlebt. Aber in meinem Wendearchiv stecken leider keine Fotos von der wahnsinnigen ersten Nacht, von den Trabis an der Bornholmer Straße und von den Ost-West-Verbrüderungen auf dem Kurfürstendamm.

Dabei war ich als der weltweit bekanntste Grenzübergang von Berlin nach Berlin, der Checkpoint Charlie, am 11. November öffnete. An diesem Tage schafft sich ein Symbol für die Spaltung der Welt in zwei Welten selber ab. Hier in der Friedrichstraße hatten sich am 27. Oktober 1961 amerikanische und sowjetische Panzer mit laufendem Motor gegenüber gestanden als wir mal wieder am Rande eines Krieges entlang schlidderten. Am Checkpoint Charlie, jetzt für alle, nicht wie bisher nur für Ausländer geöffnet, fotografiere ich den lässig die Trabants und Wartburgs durchwinkenden GI, daneben die steif dastehenden, preußisch korrekt gekleideten Grenzbeamten meiner davonschleichenden DDR.

Am gleichen Tag und der folgenden Nacht räumen Soldaten mit Bulldozern die Mauer an der Potsdamer Straße weg. Jetzt dürfen bemalte Mauersegmente auch mal in Richtung Osten schauen.

Ostberlins Oberbürgermeister Erhard Krack eilt am nächsten Morgen beschwingt Richtung Westen. Westberlins Regierender Bürgermeister Walter Momper eilt im entgegen. Im Februar wird Krack sich für den Wahlbetrug bei den letzten Kommunalwahlen mitverantwortlich erklären und seinen Rücktritt bekannt geben.

Ein oft gesehener Fernsehmensch aus Köln, Fritz Pleitgen, der kurzzeitig, eingeschoben zwischen Moskau und Washington, als Korrespondent in der DDR gearbeitet hatte, erklärt seinem Gefolge, worauf sie alle hier stehen würden: auf dem Pflaster der längsten Straße Deutschlands, der Reichsstraße 1, die einst von Aachen nach Königsberg führte. Als B1 durchquert sie heute den Potsdamer Platz, das neue glitzernde Herz des vereinten Berlins und endet in Küstrin-Kietz an der Oder. In der Brache rechts neben dem Grenzübergang fallen mir Öffnungen auf, von denen gemauerte Treppenstufen nach unten führen. Wohin? das kann keiner der Grenzoffiziere sagen. Aber irgendwo hier im Niemandsland, das versichern sie, wäre Hitlers Reichskanzlei gewesen.

Was finde ich noch unter den Fotos der ersten zwei, drei Tage nach der Maueröffnung? Menschenschlangen über mehrere Stockwerke im Berliner Polizeipräsidium am Alexanderplatz, denn ganz ohne Ordnung konnte es auch in diesem Chaos nicht gehen. Alle, die hier anstehen holen sich ein Visum, mit dem sie offiziell die Grenze übertreten dürfen: ausreisen und wieder zurück kommen. Demonstriert haben auch verschreckte Westberliner. An der Glasfassade eines Hauses nahe der Friedrichstraße hängt eine Botschaft an den Regierenden Bürgermeister. „Momper. Denk an unsere Kinder. Die ersticken in Abgasen“. Der Zweitakter-Schock ist nicht der einzige, den ihnen die Brüder und Schwestern aus dem Osten in der Wendezeit bereiten werden.

Aus einem gewissen Schamgefühl heraus fotografiere ich nur einmal eine der vielen Menschenschlangen, die sich im Schneckentempo auf Banken und Sparkassen zu bewegen. Bis zum 30. Dezember kann sich jeder DDR-Bürger großzügig gewährte 100 DM-West als Begrüßungsgeld abholen. Großartig, aber musste man sich so nach dem Gelde drängeln? Mit dem Westgeld in der Tasche kommt es dann bald zu ersten Begegnungen bei Aldi in Kreuzberg und im Wedding mit herablassend lächelnden Türken, den bisherigen Underdogs.

Kurzzeitig nehmen wir Neu-Deutschen ihren Platz ein.

Berlin, den 24.05.2009