Tagträumer neben dem Roten Rathaus

Tagträumer neben dem Roten Rathaus

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Wohin wendet sich die Wende?

Bei der Künstlerdemo im November 1989 steht ein etwas schäbig gekleideter Mann mit einem selbstgefertigten Plakat neben dem Roten Rathaus: "Keine Macht der SED. Keine Macht dem Kapital". Am nahen Palast der Republik hängt an diesem Tag eine hoffnungslos utopische Forderung neben dem gespiegelten Dom: "Die führende Rolle im Staat muss der Umweltschutz sein". Dicht daneben wird konkret: "West-Müll-LKW/Blockieren statt Krepieren".

Als im Januar 1990 diese Forderung erfüllt wurde, war ich mit dem Fotoapparat dabei. Nach der Blockade von Deponie und Verbrennungsanlage Schöneiche staut sich in der kurvigen Straße eine unübersehbare Schlange von Mülltransportern. Einer von den Fahrer flüstert mir mit einer Handbewegung zu seinem Auto zu: "Feinstaub". Also Sondermüll, verboten für Müllkippen. Die Blockade beginnt zu früher Stunde neben abgestellten Fahrrädern der Demonstranten. Einer hat auf eine daran gelehnte Pappe eine freundliche Bitte geschrieben: "Liebe Freunde aus der BRD: Schickt uns umweltschonende Autos statt Giftmüll". So herzlich konnten Ostmenschen damals mit ihren Brüdern und Schwestern umgehen.

Die Geschäfte mit dem Westmüll für Schöneiche, Schönberg und andere Deponien betreibt die INTRAC, eine der Firmen im Geflecht des Alexander Schalck-Golodkowski. Der sogenannte Devisenbeschaffer flieht kurz vor der angedrohten Verhaftung Ende November von Berlin/Ost nach Berlin/West. Am Müll haben, wie bei nahezu allen seiner Unternehmungen, beide Seiten kräftig verdient. Auch der Westdreck musste ja schließlich irgendwohin - und der kürzeste und billigste Weg führte überall über die innerdeutsche Grenze.

Bei der Künstlerdemo vom 19. November treffe ich den Zeichner Manfred Bofinger, einen Kinderwagen schiebenden Vater. An diesem Tag ist auf dem Alex auch ein Mann dabei, der von seiner Rolle im künftigen Einheitsstaat nicht einmal geträumt haben dürfte: Wolfgang Thierse. Über ihm schwebt ein Plakat mit einer herzallerliebsten Deutung von DDR. Für manche mag das Ländchen zu manchen Zeiten "Das Demokratische Reihenhaus" gewesen sein, aber diese Zeiten waren vorbei.

Auf den Freitreppen vor dem ZK fotografiere ich am 2. Dezember zum ersten mal den leidenschaftlich redenden Rechtsanwalt Gregor Gysi, der, was eigentlich?, von den versammelten Genossen fordert, Vernunft vermutlich, Besonnenheit und Zusammenstehen. Bei einer abendlichen Pro DDR-Kundgebung unter der S-Bahn-Brücke am Alexanderplatz sehe ich eine abseits stehende, verloren wirkende junge Frau mit dem Schild "Wir haben nur eine Heimat", eine andere fordert eine "Koalition der Vernunft".

In meiner alten Studentenstadt Leipzig halte ich an einem tristen Novembertag 1989 für ein Foto vor dem Ortseingangsschild mit dem stolzen Zusatz "Heldenstadt". Von Leipzig ging im Oktober der Ruf aus "Wir sind das Volk". Zwei Monate später, am 3. Dezember, zieht sich eine Lichterkette vom Erzgebirge bis nach Rügen durchs Land. Zwischen 12. 00 und 12. 15 Uhr fassen sich Hunderttausende bei der Hand.. Eine der großen beschwörenden Gesten jener Zeit, in der es fast immer darum ging: Wende ja, aber wohin und für welches Ziel? Ich stehe an diesem Tag in Berlin, Ecke Schönhauser Allee. An seinem Abschnitt der Menschenkette, im Vogtland, fotografiert ein Kollege wie herangekarrte, in Massenproduktion gefertigte Schilder mit "Wir sind ein Volk" verteilt werden.

Was sehe ich in den Bildern nach 20 Jahren?

Manche lösen merkwürdige Irritationen aus. Auf einem an eine Säule geklebten Plakat wird gefragt: "Wollt Ihr die totale Kopie?" Die Antwort kritzelte ein anderer dazu: "Ja".

Und die Fotos machen im Nachhinein noch unglaubhafter, in welchem Tempo ein Land verschwinden konnte - und mit ihm fast alles, was es ausgemacht hat. Als erstes die schon längst verflogene Illusion, wir wären ein im Gleichtakt denkendes und fühlendes Volk von Siegern der Geschichte. Bis zuletzt von den Oberen gehätschelt, die es dank ihrer Informationsquellen doch hätten besser wissen müssen. In der dahinrasenden Zeit gab es nur wenige, die Zeit fanden innezuhalten, Zeit zum Nachdenken, zum Abwägen - und am wenigsten Zeit hatten Politiker, die uns am Ende versicherten: Wir konnten einfach nicht anders, das Volk hat uns getrieben. Ich glaube inzwischen, sie durften als Sieger der Geschichte nichts anderes zulassen, als das, was wir bekamen: die Kopie ihres Erfolgsmodells.

Berlin, den 24.01.2012